Mikrokredite: gutes Investment oder Augenauswischerei?

Mikrokredite: gutes Investment oder Augenauswischerei?

von | Jul 10, 2016

GASTBEITRAG von Mag. Stefan Weinberger, Autor des Finanzblogs Greenmoney, über die Sinnhaftigkeit von Mikrokrediten:

Um zu erkennen, dass sich unsere Welt nicht gerade in einem stabilen Gleichgewicht befindet genügt in der Regel ein Blick in die Morgenzeitung. Vor allem die weltweite Armut ist ein ernstes Problem, da Armut oft ein Grund für kriegerische Auseinandersetzungen ist, die wiederum zu Fluchtbewegungen und weiterer Armut führen. Ein Patentrezept, diesen Kreislauf zu durchbrechen, habe ich natürlich nicht, aber es gibt Lösungen, die wirken. Ich persönlich bin ein großer Anhänger der Hilfe zur Selbsthilfe, oder wie es Konfuzius vor 2.500 Jahren formuliert hat: „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.“

Dieser Text soll allerdings kein Spendenaufruf sein. Wenn du trotzdem geben willst, gerne, aber langfristig bewegst du mehr, wenn du nachhaltig investierst. In meiner Beratungspraxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Thema Mikrokredit durch seine Komplexität oft nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit findet – was ich sehr schade finde. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal kurz erläutern, worum es sich dabei handelt, und wie du zumindest die Inflationsrate plus ein paar Zinsen verdienen können solltest.

Das Problem in vielen Gegenden dieser Erde ist, dass es kein funktionierendes Finanzsystem gibt. Landwirten und Kleinunternehmern fehlt damit ganz einfach das nötige Kapital zur Tätigung wichtiger Investitionen. Dass diese Menschen nicht einmal umgerechnet 2.000 € bekommen mutet hierzulande seltsam an, wo doch der neue Fernseher für die Fußball-EM locker über einen Konsumkredit finanziert werden kann.

Auf den Punkt gebracht: Weltweit haben circa drei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen und damit weder zu einem Bankkonto noch zu einem Mikrokredit. Materielle Besicherungen für Kredite können diese Menschen allerdings keine bieten, dennoch haben sie eine sehr hohe Rückzahlungsmoral und die Ausfälle sind kaum ein Problem. In genau diese „Nische“, also etwa drei Milliarden Menschen als Zielpublikum, investieren Mikrofinanzinstitute (MFI). Ein MFI vergibt Mikrokredite, immer ohne Besicherung und leicht mehrheitlich an Frauen. Der Aufwand ist natürlich dementsprechend hoch, aus diesem Grund können die Zinsen auch bis zu 25 % p.a. betragen. Nach ein bis zwei Jahren ist der Kredit in den meisten Fällen wieder getilgt und – das ist ja der Vorteil daran – diese Summe kann wieder als Kredit vergeben werden.

Wo kommen wir Anleger jetzt ins Spiel? Hier, bei der Finanzierung der MFI. Dies zwar indirekt über darauf spezialisierte Investmentfonds kannst du ein Darlehen an ein MFI vergeben. Trotz der strengen Regulierungen gibt es noch immer einige dieser Fonds. Wenn du beispielsweise 5.000€ in einen Solchen investierst, vergibst du de facto gut zwei Mikrokredite. Durch die Konstruktion als Fonds bist du aber nicht dem Risiko ausgesetzt, dass genau einer dieser beiden dein Geld nicht zurückzahlen kann, sondern dein Geld kommt in einen Topf, aus dem tausende Darlehensnehmer finanziert werden und das in verschiedenen Ländern und auf fast allen Kontinenten.

Man sollte aber nicht denken, dass jedes Investment in Mikrofinanz gut gegen Armut hilft. So finden sich in diesem Segment leider auch schwarze Schafe, nämlich stark gewinngetriebene „Mikrokredithaie“. Die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen MFI sind oft von Land zu Land sehr hoch. Deshalb gibt es Firmen und Organisationen, die die soziale Komponente von MFI richtig bewerten können. Auf deren Know-how kannst du bei der Auswahl des richtigen Investments getrost zählen. Die Implementierung sozialer Kriterien ist somit ein Kriterium guter Investmentfonds.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar Zahlen eines großen Mikrofinanzfonds anführen. Dieser Fonds, den nur institutionelle Investoren und Dachfonds überhaupt kaufen können, verwaltet ein Volumen von etwa 250 Millionen Euro. Daraus werden Mikrokredite an etwa 285.000 Menschen vergeben. Gemeinsam mit deren Familien werden 1,4 Millionen Menschen in etwa 35 Schwellenländern erreicht. Geographisch investiert der Fonds vornehmlich in Südamerika und Asien. Die Kreditnehmer sind zu knapp über 50 % weiblich und leben ebenfalls leicht mehrheitlich in ländlichen Gebieten. Durchschnittlich werden pro Mikrounternehmer etwa 2.000 US-Dollar verborgt. Über das gesamte Portfolio des Fonds haften pro Kreditnehmer aktuell knapp 900 Euro aus. Bei uns wäre das der oben erwähnte Fernseher für die Europameisterschaft. Dort wird damit eine Existenzgründung finanziert.

Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf zurückkommen, dass es sich hier nicht um Spenden handelt, sondern um ein Investment. Von den Zinsen, die die Kleinunternehmer und Landwirte zahlen, bleibt nach Abzug der Kosten des MFI und des Fonds, der Währungsabsicherung und anderen Posten der Ertrag des Anlegers über. Mein Lieblingsfonds in diesem Segment hat über die letzten fünf Jahre immerhin 3,16 % nach Kosten erwirtschaftet, was in diesem Segment durchaus ansehnlich ist.

Tipp:

Wen Mikrokredite als Thema interessieren, der- bzw. diejenige ist herzlich zum nächsten Cashflow eingeladen.

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